Ideenkomprimat um Frankfurt Rhein-Main. Project M.

M_10s40 Leute aus der ganzen Welt werden in Hafencontainer gesteckt, versorgt und auf Ideen gepolt. Niemand weiß so wirklich, was die Aufgabe sein wird, aber irgendwie dreht es sich um das Image der Stadt Frankfurt und es wird darum gehen Impulse zu setzen, vielleicht möglichst groß, vielleicht möglichst anders. Das Motto des Ganzen: THINK WRONG. DO RIGHT. Von Sebastian Sobanski.


So ungefähr versteht sich auch John Bielenberg in seiner Rolle als Project M’er. You are Project M and you decide what to create. Er richtet eine Plattform ein und annimiert andere zum Toben. Das tut der in Deutschland geborene Designer bereits seit 2003. Inspiriert durch die rural studios des Architekten Samuel Mockbee begann er 2003 mit dem ersten Project M, das mit dem Entwurf des THINK WRONG BOOK beschäftigt war. Seitdem schreibt man sich mehr auf die Fahne, als nur Design:

Project M is an intensive summer program designed to inspire young designers, writers, filmmakers and photographers that their work can have a positive and significant impact on communities around the world. [c2llc.com].

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John Bielenberg

Es folgten seitdem zahlreiche weitere Vorhaben. 2004 wurde im costaricanischen Regenwald eine Infobroschüre entworfen, die erst unter Wasser lesbar wird. Dessen Verkauf diente wiederum der Finanzierung einer Forschungsstation. Die Finanzierung gemeinnütziger Vorhaben mithilfe von Design ist ein Grundelement der bisherigen M’s gewesen. Micro-Finanzierung in Ghana, Versorgung von Hurricane-Katrina-Geschädigten mit gespendeten Arbeitsmaterialen [mBulance], Revitalisierung verarmter Gegenden wie Baltimore [thisisnotgrass.com] oder Spendenkampagnen für Wasserzähler in Alabama [buyameter.org]. Der Erforlg und die Nachfrage waren derart, dass mittlerweile ein ganzes Netzwerk aus Project Ms und Nebenprojekten entstanden ist. Nadabike war das Resultat einer Vereinsgründung, deren Mitgliedsbeitrag 100$ betrug. Dafür erhielt man einen von den 100 in Taiwan hergestellten Rahmen mit der freiwilligen Verpflichtung, ein richtiges Fahrrad daraus zu gestalten, natürlich nach Gusto designed. Mit blanklab fuhr ein Team gleich 30 Tage lang durch die Staaten, mit Truck und Container. Der Container wurde zum white cube gesprayt und zum Fotostudio umfunktioniert. Quer durch die Staaten konnte sich dann jedermann porträtieren lassen für das abgegebene Versprechen: I agree to do something meaningful with my life. PieLAB stellt wiederum eine Gleichung auf, die wegen ihrer Einfachheit besticht.

Pie + Conversation = Ideas
Ideas + Design = Positive Change

Ein DesignLab als Café getarnt, oder vielleicht auch umgekehrt. Diese Message ist bestimmt nicht neu, aber dafür universell und das Geheimnis liegt wohl eher darin, was die Speisenden aus ihr machen.

Während die meisten dieser Projekte in kleineren Gruppen stattfanden, wurde nun mit PROJECT M FRM (Frankfurt Rhein Main) eine neue Dimension erreicht. Ermöglicht wurde das Ganze durch großzügige Spender aus dem Rhein-Main-Gebiet und dem ThinkTank Arthesia, die beide Seiten zusammengebracht hat. Wie generell bei einem Project M gab es auch hier keine konkrete Aufgabe, denn die muss immer erst erarbeitet werden. Seitens Arthesia wehte der Wind aus der Werbe-Ecke für einen Imagewandel für Frankfurt, die Stadt, dessen Finanz- und Infrastrukturmacht die kulturelle Seite der hessischen nicht-Hauptstadt überschattet. Ein Ort den Thomas Sevcik [Arthesia] gern als global doer bezeichnet, dem es aber an Sexappeal fehlt. Ein Ort, an dem mehr durchgereist wird, als dass geblieben und erkundet wird. Auf der anderen Seite scheinen die Frankfurter selbst ganz glücklich mit ihrer Stadt zu sein. Morgan Stanley-Vorstand Lutz Raettig hat mir verraten, dass es unter Investmentbänkern als Strafe angesehen wird, wenn man nach Frankfurt versetzt wird. Ein halbes Jahr später wollen die selben Bänker diese Stadt angeblich gar nicht mehr verlassen. Der ehmalige Kunstprofessor Thomas Bayrle von der Städlschule nennt sie schön langweilig und meint, dass die kulturellen Wellen, die dort geschlagen werden, eher klein ausfallen.
thinkwrong_3147Die Wellen, die wir vom Offenbacher Kulturhochburg Hafen2 aus geschlagen haben, kann man auch nicht als eine einzige große Welle ansehen. Diesem zweiwöchigen Prozess aus Kennenlernen, Brainstorming, Konzept und Chaos sind allerdings viele kleine Wellen entsprungen, die man in drei zentrale Fragen eingliedern kann:

Was ist Wert und wieviel hat es mit Geld zu tun?
Wie häuft man das eine oder das andere an?
Was macht eigentlich glücklich?

Entstanden ist dann eine bank of ideas, die versucht hat, mit Ideen-Checks zu handeln und Konten zu eröffnen. Die Reaktion war zwar meist ein verunsicherter bis verstörter Gesichtsausdruck, man sah sich aber immerhin gezwungen erst den Vorgesetzten zu holen, um diese schwierige Frage zu klären. Wishing Well war die Transformation öffentlicher Brunnen in Wunschbrunnen mit einer kompletten Anleitung, wie man das eingesammelte Geld für soziale Zwecke auch wieder aus dem Brunnen herausbekommt. Es wurden Straßenschilder neu designed, Konzepte entworfen, wie man Bänker und Kreative an einen Tisch bekommt oder aber wie man für junge Leute die gesamte Verwaltung von Konten und Bezahldiensten online neu organisiert. Sogar ein eigenes banktionary mit flapsiger Darstellung des Finanzjargons wurde kreiert. Da Frankfurt als electro-Hochburg gilt, wurde gleich noch eine ganze Releasekampagne für die eingens geschaffene Elektroband Tropical-L geschaffen – made in Offenbach, inklusive Website, Guerilla-Werbung, Fotoshootings in der Kunsthalle Schirn und natürlich Videodreh. Und warum? Vielleicht weil Leidenschaft nicht nur eine Motivation, sondern ein Wert ist. Und ob Geld die Welt jetzt wirklich langweilig macht, kann man mit moneymakestheworldgosquare.org anfangen zu beantworten. Vielleicht schmeckt es ja auch dem einen oder anderen

Von meiner Seite bleibt nur noch eindrücklich festzuhalten: dieses Projekt ist ein Intensivworkshop für Körper, Geist und Seele (schaut hier). Arg infizierend, chaotisch verstörend und wieder motivierend dieses Chaos auch zu bändigen. Ich glaube, 40 Leute haben dieses bootcamp für Kreativität verlassen, mit Frustrations- und Erfolgserlebnissen, bereit diesen Virus weiterzugeben! Let’s M!

http://www.projectmlab.com/

One Thought on “Ideenkomprimat um Frankfurt Rhein-Main. Project M.

  1. Konstantin Adamopoulos on 27. September 2010 at 7:28 said:

    Danke für den großartigen Post.

    Herzlich vom Kölner Exilfrankfurter, Konstantin

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