Große Freiheit – Teil 1

Eine neue Serie zu privaten Räumen für öffentliche Kultur

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Private, bürgerschaftliche Initiativen zur Kulturförderung sind das Salz in der Suppe öffentlicher Kulturpolitik. Mit oft improvisierten Räumen und unkonventionellen Profilen bieten sie Kreativen und jungen Künstlern nicht nur oft ihr erstes Publikum, sondern stellen auch Plattformen des kulturellen Austauschs für breite Bevölkerungsschichten. In dieser Reihe sollen in loser Folge junge und unkonventionelle Projekte vorgestellt und ihre Aktivitäten präsentiert werden. Von Falk Ebinger.


Die Genese des modernen Menschen fällt ziemlich genau mit der Entwicklung der Fähigkeit zu kreativer schöpferischer Tätigkeiten zusammen. Ebenso lange konsumieren (und finanzieren) die Menschen Kunst, sie ist untrennbar mit uns als kulturelle und soziale Wesen verbunden. Dass Kulturschaffende staatlich gefördert und als besonders wertvoll erachtete Kulturleistungen die Exklusivität repräsentativer öffentlicher Räumen zugewiesen wird, ist dagegen ein eher neues Phänomen. Gezielte Kulturförderung, öffentliche Ausstellungsräume, Theater und Museen dienten und dienen dabei nicht nur dem hehren Ziel, Kunst und Kultur universell zugänglich zu machen, sie zu bewahren und durch einen Rahmen zu würdigen. Aus kritischer Perspektive nutzten sie die „educated few“ auch immer dazu, kulturprägend auf die Gesellschaft zu wirken. Die öffentliche Kulturförderung schafft bis heute jene Oligopole der Kunst- und Kulturdefinition, welcher sich bereits die sich konstituierenden Nationalstaaten zur Schaffung eines kulturellen Unterbaus für die nationalen Distinktion und Überhöhung bedienten. Auch wenn moderne demokratische Staaten diese „Hochkultur“ überwunden haben – die Bürgerferne und damit die subjektive Willkür dieses Systems bleibt, oder wächst sogar mit Fördervolumen und Professionalität. Aber genug der Kulturpolitikkritik. Wie heißt es so schön: Woanders beneidet man uns darum.

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Ein demokratisches Gemeinwesen zeichnet sich durch eine parallele (nicht Gegen-) Bewegung aus, die als Ergänzung dieser „professioneller“ Kulturförderung bezeichnet werden kann: Private Akteure, die Mittel und Räume zur Schaffung und Präsentation von Kunst und Kultur jenseits der institutionalisierten Förderroutinen beschaffen und bereitstellen. Das gab es schon immer – man denke nur an die rund 300 seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland gegründeten Kunstvereine. Für den unbedarften Beobachter zeigt sich in den letzten Jahren in diesem Feld jedoch eine neue Dynamik: Neue private Initiativen bereichern das kulturelle Leben aller Orten, indem sie offene Räume für Ausstellungen, Performances, Filmkunst, Lesungen, Musik und soziokulturelle Veranstaltungen schaffen. Ihre Verfasstheit ist ebenso vielfältig wie ihre Ziele und Programmgestaltung. Geeint werden sie durch ihr Streben, unabhängig und eigenverantwortlich jenseits von staatlicher Kulturdefinition und Markt eine Plattform für die Begegnung von Kulturschaffenden und Bürgern zu bieten. Damit erfüllen diese niederschwelligen, oft schnelllebigen Begegnungsorte eine unschätzbare Funktion als kreativer Nährboden einer lebendigen Kulturgesellschaft jenseits der eindimensionalen Kulturvermittlung. In dieser Reihe sollen in loser Folge derartige Projekte und ihre Konzepte vorgestellt sowie ihre Aktivitäten präsentiert werden.


Fincan, Berlin-Neukölln

neue-serie-1-2-4Da Berlin derzeit einen Kristallisationspunkt nicht nur für deutsche, sondern auch für internationale Kulturschaffende darstellt, verwundert es nicht, dass unsere Serie gerade dort beginnt. Das Fincan in Neukölln ist ein Projekt des ebenfalls in Nordneukölln ansässigen Kulturvereins Mainzelmenschen e.V. Es funktioniert als nicht-kommerzielles Café mit Wohnzimmeratmosphäre, das von einem Kernkollektiv von zehn Engagierten betrieben wird. Besonders am Herz liegt den Betreibern Jazz mit ein bis zwei Livekonzerten pro Woche, daneben gibt es Programmkino, Ausstellungen, Tangotanz und ein Kinderprogramm. Damit ist das Fincan nicht nur ein offener Kulturraum, sondern insbesondere ein sozialer Begegnungsort. Alle Fotos auf dieser Seite sind aus der tollen Ausstellung „Die Rückstände der Geschichte – Die Geschichte Berlins, gesehen durch die Gebäude, die die Stadt nicht mehr braucht“, die derzeit im Fincan gezeigt wird: Fotos von Marco Baringer, Texte von Melanie Sevcenko.

Fincan

Neukölln
Altenbraker Str. 26
12051 Berlin
http://www.fincan.eu/index.php?id=5

Die Fotos aus diesem Beitrag stammen vom Marco Baringer.

3 Thoughts on “Große Freiheit – Teil 1

  1. sebastian s. on 3. Oktober 2010 at 18:09 said:

    große Freiheit – große Klasse.
    klingt nach einer vielsprechenden Reihe!

    bin erst neulich in Offenbach auf HAFEN2 [http://hafen2.net/] gestoßen.
    diese KULTURZENTRUM beschreibt sich selbst als

    /“wilde Mischung aus Kunst-Ort, Streichelzoo, Konzertstätte, Café, Programmkino, Wiese, Atelier und Techno-Klub. Manchmal noch mehr: Theater, Mode, Diskussionen, Lesungen.“/

    … und das ist es auch. In sieben langen Jahren gewachsen, in Eigeninitiative gestämmt und gerade dadurch mit einer einmaligen Atmosphäre und authentischen Leidenschaft. Es ist direkt am Offenbacher Main, mit einem riesigen, alten und anmutenden Lokschuppen, der sporadisch für kulturelle Events belebt wird, inmitten restlicher (ruinöser) Hallen und restlicher Industriebestände. Ein lebendiger Ort, der sich auch wunderbar in diese Beitragsreihe eingliedert. Einladend, experimentierfreudig und mutig.

    Hier kam der Impuls diesen Raum zur Verfügung zu stellen sogar von der Eigentümer-Holding selbst, wenn auch aus der Not heraus, da man seit fast einer Dekade keine Investoren fand. So wurde HAFEN2 der Vertrag Jahr für Jahr verlängert, provisorische Ansätze haben sich irgendwie etabliert und machen gerade den Charme der ganzen Anlage aus.

    Über die Jahre hat diese Holding nun Halle für Halle im Umfeld platt gemacht, in der Hoffnung so besser Anleger zu finden, und siehe da:
    Seit 4 Wochen sind alle Verträge und Genehmigungen mit neuen Investoren durch.

    Bei einem Abendessen hatte ich sogar Gelegenheit mich mit der Chefin der Holding ausgiebig zu unterhalten … mit offensichtlichem Verlauf:
    Kulturförderung ist toll, aber nicht wenn sie quer steht zu den eigenen Wirtschaftsinteressen.
    Klar kann ich diese Frau sehr gut nachvollziehen. In den obersten Statuten ihrer Holding steht wohl kaum „Kulturförderung“ auf der Liste, sondern Profit.
    WER IST ALSO IN DER VERANTWORTUNG SOLCHE WERTE ZU SETZEN UND ZU SCHÜTZEN? (Versuche den alten Lokschuppen unter Denkmalschutz zu stellen sind gescheitert, woran auch immer…)

    Mit der mittlerweile großen Bekanntheit von HAFEN2 (angeblich der einzige angesagte Ort in Offenbach, an dem sich auch Frankfurter blicken lassen) erwähnt man zwar alibihaft Überlegungen in die Richtung, die große Halle zu versetzen, aber schaut man sich die stolzen Projekt-Modelle in den eigenen Geschäftsräumen an, so prahlt ein große KindergartenAnlage auf eben jenem Grundstück, drum herum riesige Gewerbe-, Wohn- und sogar Campusräume (der HFG)

    Die Zukunft von HAFEN2 ist damit wohl eher nicht rosig und reiht sich in das wunderbare Fachwort GENTRIFIZIERUNG ein, vorausgesetzt HAFEN2 findet überhaupt einen angemessenen Ort, an dem sie fortwähren können…..

    so.
    das musste jetzt irgendwo raus!

  2. Benjamin on 4. Oktober 2010 at 18:51 said:

    Zum einen kann ich nur zustimmen: Große Freiheit – große klasse! Eine gute Idee, zu der hoffentlich viele was beitragen können und die hoffentlich viele nutzen können!

    Und somit zum anderen: Haben am vergangenen WE versucht, die Fotoausstellung im Fincan zu besuchen, was man offensichtlich aber nur kann, wenn eine Veranstaltung stattfindet. Öffnungszeiten o.ä. nur für die Ausstellung findet man weder im weltweiten Netz noch an der Neuköllner Haustür. Schade! Ärgerlich, dass einem an der Eingangstür von anwesenden Insassen nur per grober Handbewegung bedeutet wird, dass man nun geschlossen habe.

  3. Falk on 5. Oktober 2010 at 8:46 said:

    @ alle:
    Danke für die Vorschusslorbeeren für die Reihe – die gehen aber (hoffentlich) an Euch selbst – Die Reihe ist explizit als offene Sammlung von Projekten und Initiativen gedacht. Wer also was tolles findet – wie bspw. HAFEN2 – der ist sehr herzlich eingeladen innerhalb der Reihe über Form und Inhalt der Räume in einen kleinen Beitrag zu berichten.

    @ Benjamin: Tut mir leid, dass Deine Reise nach Neukölln so ins Wasser fiel. Je freier die Räume, desto selbstherrlicher das Kollektiv dahinter. Sehr Schade, für die Fincan. Das nächste Mal nur noch mit Öffnungszeiten, versprochen!

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