Filmrezension: „In ihren Augen“ – Lateinamerikanische Kunst im Fokus

el-secreto-de-sus-ojos_21Der Film „In ihren Augen“ von Juan José Campanella war der Überraschungssieger der diesjährigen Oscar-Verleihung in der Kategorie „Bester nicht-englischsprachiger Film“. Nun läuft er endlich auch hier in den Kinos! Genreübergreifend ist Campanellas Film nicht nur eine Kriminal- und Liebesgeschichte, sondern zugleich ein Politdrama, das Einblicke in die politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen Argentiniens in den 70er Jahren gibt. Von Stefanie Hirsch.


Seit dem nationalen Kinostart am 28. Oktober hat auch das deutsche Kinopublikum Gelegenheit den laut Academy Awards besten nicht-englischsprachigen Film des Jahres zu sehen: „In ihren Augen“ . Mit seinem „El Secreto de Sus Ojos“ (basierend auf einem Roman von Eduardo Sacheri) landete der argentinische Regisseur und Co-Drehbuchautor Juan José Campanella einen Überraschungserfolg und machte damit die europäischen Hoffnungen auf eine Oscar-Auszeichnung mit der deutschen Produktion „Das weiße Band“ oder mit dem französischen Film „Un prophète“ zunichte.

Am letzten Sonntag startete ich mein persönliches Gegenprogramm zum Halloween-Rummel und ging ins Kino. Ich war neugierig auf den Film, ohne aber große Erwartungen zu haben, denn ich war schon länger nicht mehr positiv von einem Film überrascht worden, schon gar nicht von einem mit Überlänge. Dieser jedoch dürfte keine Minute kürzer sein und wäre auf jeden Fall noch einen zweiten Besuch wert.

In etwas mehr als zwei Stunden erzählt „In ihren Augen“ die Geschichte des Gerichtsermittlers Benjamin Espósito in Buenos Aires. Frisch pensioniert und plötzlich außerhalb des stressigen Arbeitsalltags lässt ihm insbesondere ein 25 Jahre zurückliegender Fall – die Vergewaltigung und der Mord an einer jungen Frau – keine Ruhe. Er beschließt sich erneut mit dem Fall zu beschäftigen und ein Buch über die Ermittlungen zu schreiben.

Der Zuschauer begleitet ihn auf diesem Weg und folgt seinen Recherchen und Gesprächen genauso wie seinen Gedanken, seinen Erinnerungen an die Ermittlungen und seinen Vorstellungen über das ihm Unbekannte, was er nur erahnen kann. Wie Puzzlestücke formen die einzelnen Ausschnitte aus verschiedenen Zeitschienen sich langsam zu einem großen Ganzen.

Dass es aber um weit mehr geht als eine Kriminalgeschichte wird spätestens klar, als der Täter bereits in der Mitte des Films gefasst und verurteilt wird und somit der Fall vermeintlich gelöst ist.

Jedoch ereignet sich der Fall Mitte der 70er Jahre. Die Ermittlungen fallen somit in eine bewegte Zeit Argentiniens, die vom zunehmenden, halb-staatlichen Terrorismus geprägt war. Erst nach und nach wird deutlich, dass viele Schikanen und persönlichen Anfeindungen, denen der Hauptcharakter bei seinen Ermittlungen begegnet, bereits Ausdruck dieser politischen Entwicklungen sind, die schließlich 1976 in eine Militärdiktatur münden.

Als Benjamin Espósito nicht hinnehmen möchte, dass die militärdiktatorische Junta in die Vollstreckung des rechtskräftigen Urteils eingreift wird sein Kollege und Freund mit ihm verwechselt und statt seiner umgebracht. Er selbst kann mit Hilfe der Richterin, seiner heimlichen Liebe, fliehen und taucht unter.

An dieser Stelle verlagert sich die Handlung komplett in die Gegenwart. Espósito rollt den Fall für seine Recherchen erneut auf und wird dabei auch mit seinen eigenen unterdrückten Gefühlen konfrontiert.

Über die gesamte Länge kommt der Film ohne übertriebene Actionszenen und hektische Schnitte aus. Stattdessen transportieren lange Kameraeinstellungen die Stimmungsbilder der Hauptfigur. Auch sind die Charaktere durchgängig ganz normale Menschen mit ausgeprägten Stärken wie Schwächen.

Ruhig und zugleich spannend, mit besonderer Liebe zum Detail und einer ausdrucksvollen Bildsprache hat Campanella einen wirklich besonderen Film geschaffen, der sich in keine Schublade schieben lässt. Denn der Film „In ihren Augen“ erzählt neben einer Kriminalgeschichte auch von einer tragischen Liebesgeschichte, zeichnet das Bild einer tiefen Freundschaft und beleuchtet die politisch-gesellschaftlichen Verwicklungen, welche die Zeit nach Peróns Tod in Argentinien begleiteten. Der Besuch des Films „In ihren Augen“ ist wirklich empfehlenswert!

Doch nicht nur der Film ist sehenswert. Nachdem Argentinien bereits Gastland auf der Frankfurter Buchmesse war, rückt „In ihren Augen“ das Land dieses Jahr nur ein Mal mehr in den Fokus. Nicht nur Filmkunst sondern Kunst, Kultur und Literatur allgemein aus Argentinien oder der Region Lateinamerika werden in Europa bisher (wenn überhaupt) eher am Rande wahrgenommen.

Eine Möglichkeit, sich einen Überblick über die abstrakte Kunst des 20. Jahrhunderts aus Lateinamerika zu verschaffen, bietet noch bis Ende Januar 2011 die Ausstellung VIBRACIÓN in der Bundeskunsthalle in Bonn mit teils erstmals in Europa zu sehenden Werken.

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