Das Recht auf Öffentlichkeit: Saatchi Online – von der Demokratisierung des Galeriewesens und zurück

saatchi-galleryGegenwärtig stellen vermutlich mehr Künstler bei der Online-Galerie Saatchi ihre Werke aus als alle Künstler in der Geschichte des „analogen“  Galeriewesens zusammen. Jeder kann ausstellen und jeder stellt alles aus – in der Hoffnung, über Nacht berühmt zu werden. Oder zumindest „pick of the week“ der Online-Redaktion zu sein; womit die Basisdemokratie des modernen Internets mal wieder ihre Grenzen durch einen Quasi-Monopolisten aufgezeigt bekommt, diese aber auch frei wählt. Von Falk Ebinger.

Das Web 2.0 ist für uns ebenso selbstverständlich wie der Gebrauch von Anglizismen. Dass noch vor wenigen Jahren einige wenige gatekeeper darüber bestimmten, ob gewöhnlichenMenschen wie Du und ich öffentlich Gehör geschenkt wurde, können wir uns heute kaum noch vorstellen. Journalisten, Herausgeber oder Galeristen, um einige zu nennen, kontrollierten mit Strenge den Zugang zur Öffentlichkeit. Diese Funktionsträger zogen ihre Legitimation aus ihren professionalisierten Fähigkeiten und Kenntnissen und wurde nicht weiter hinterfragt. Als Nachweis der Legitimation wurde darauf verwiesen, dass ihnen die Gesellschaft eben jene verantwortungsvollen Positionen übertragen hätte. Diese Akteure gerierten sich allerdings nicht so altruistisch, wie nach außen gerne kommuniziert wurde. Stattdessen verhielten sie sich so, wie man es von in-groups gewohnt ist: als Kartelle, die ihre eigenen Interessen durchsetzen, ihre eigenen Paradigmen stärken und vor allem ihre eigene Schlüsselposition zu bewahren suchen.

Das ist nun aber vorüber! Seit web 2.0 ist das ohnehin Vergangenheit. Man muss für eine siegreiche Revolution nicht mehr die Medienanstalten kontrollieren, muss nicht mehr mit dem bayerischen Ministerpräsidenten verschwägert sein, um seine Autobiographie unterzubringen. Aber – und das ist die Kehrseite der Medaille – man muss Ausdauer haben. Man muss selbst bloggen, andere Blogs lesen, kommentieren und einen möglichst großen virtuellen Freundeskreis pflegen. Schließlich birgt nur dieser äußerst aufmerksamkeitsbedürftige Zirkel die Chance auf den Sieg bei einem der zahlreichen Showdowns (Künstlerwettbewerbe) auf Saatchi-Online – und damit mehr hits, höhere Preise, vielleicht sogar den Durchbruch.

Mitmachen kann jeder. Nach einer kostenlosen Registrierung kann man eine Galerie mit eigenen Werken erstellen, an Wettbewerben teilnehmen und sich in Diskussionsforen etablieren – oder einfach die Aktivität der hunderttausend Kollegen beobachten. Das ist zuerst einmal toll. Nie zuvor gab es die Möglichkeit, vom Wohnzimmersessel in Bochum-Hamme aus, große Kunst von kleinen japanischen Hausfrauen bewundern zu können. Aber vielleicht ist es auch zu bequem.

Und da sind wir nun bei den Schattenseiten. Einerseits wird die schiere Masse zur Last, schreit förmlich nach fachkundiger Kuratierung, da sonst alles, sehenswerte wie weniger sehenswerte Kunst, in einem riesen Brei aus kleinen Bildchen mieser Qualität versinkt. Wir vermissen also unsere Galeristen der „old economy“, wollen aber auf keinen Fall den einen, alles kontrollierenden Meta-Galeristen, zumindest nicht den von Saatchi-Online. Denn Monopolisten haben selten einen guten Ruf, und gerade Saatchi ist schon im Offline-Kunstbetrieb umstritten wie kein Zweiter. Einerseits ist er ein großer Gönner, der mit großer Weitsicht und Großzügigkeit Gegenwartskunst für breite Bevölkerungsschichten zugänglich machte – insbesondere durch seine Saatchi Gallery in London Chelsea. Andererseits steht er im Verdacht, über seinen Zugang zu Medien, seine Museen und Galerien gezielt Karrieren und Preise zu manipulieren. Und schon auch mal als (Wieder-)Verkäufer durch ihn berühmt gewordener Werke 10.000% Gewinn mitzunehmen.

Da hilft es dann auch wenig, dass Saatchi Online betont, man sei eine open social platform: „a free and open landscape to foster talent, support the process, share ideas and influences and exhibit the result of artistic self-expression.“ Wer weiß schon, welcher Algorithmus hinter dem endlosen Strom an präsentierten Kunstwerken werkelt? Welche Logik hinter „gefeaturten“ Künstlern oder einem Kunstwerk der Woche steht? Vielleicht sind wir, ist selbst unser Kunstgeschmack schon längst ein Konstrukt gezielter product placements? Dies soll kein Argument dafür sein, dem Internet als offenem Kunstmarkt der Zukunft den Rücken zu kehren, aber vielleicht eines dafür, mal wieder offline zu gehen.

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