Wo bleiben die packenden deutschen TV-Serials?

sendeschlussWenn man uns beide nach serials fragt, dann können wir sofort viele aufzählen, die uns wirklich gut gefallen. Da wären „Veronica Mars“, „Mad Men“, „The Wire“ und „The LWord“, um nur einige zu nennen. Sie bestechen durch ausgefeilte Charaktere, Erzählungen abseits vom Klischee,  intelligenten Witz und großartige Schauspieler, Regisseure und – nicht zuletzt – richtig gute Autoren. Sie stammen aber alle aus den USA. Was ist los mit der deutschen TV-Landschaft?

Von Ilse-Dore Gräf und Carina Giesen.


© dpa

© dpa

Serials und auch series sind die TV-Formate der vergangenen und auch künftigen Jahre – da ist man sich weitgehend einig. Auch in Deutschland werden diese TV-Formate erfolgreich ausgestrahlt. Sie werden jedoch aus den USA importiert. „Deutschland hat den Trend komplett verpennt,“ sagt Dominik Graf im Zeit-Interview, der Regisseur von „Im Angesicht des Verbrechens“, einer der wenigen deutschen serials. Und da stimme ich ihm zu. Das merkt man bereits daran, dass wir immer noch undifferenziert von „Serien“ sprechen, während die Unterscheidung von series und serials in den USA im alltäglichen Sprachgebrauch schon lange selbstverständlich geworden ist. Was unterscheidet beide TV-Formate voneinander, wo gibt es Gemeinsamkeiten?

Die Gemeinsamkeit von serials und series besteht in der „Endlichkeit“ (anders als bei daily soaps), d.h. es gibt ca. 12 bis 25 ca. 45-minütige Episoden pro Staffel. Sie unterscheiden sich in ihrer Struktur und ihrer Dramaturgie. Series werden episodenhaft erzählt. In jeder Episode geht es um die Lösung von einem oder mehreren Problem(en). Der Fokus liegt meistens auf Action und Spannung („Lie to me“, „CSY“, „Lost“ etc.). Die verbindenden Elemente der einzelnen Episoden sind vor allem die Handlungsorte und die Hauptpersonen. Serials hingegen beruhen auf fortschreibenden Geschichten. Der Zuschauer muss also, anders als bei dem Format der series, von Anfang an die Story verfolgen, da die einzelnen Episoden aufeinander aufbauen. Bei serials geht es um die detaillierte Nachzeichnung verschiedener Charaktere mit all ihren Facetten, um Darstellung von spannenden und komplexen Storylines über mehrere Episoden hinweg (meistens verknüpft durch Cliffhanger) und auch um die Erschließung bisher unbekannter Gefilde. Es geht gerade nicht mehr um die Affirmation von Bekanntem, was früher abfällig als typisch für dieses Format genannt wurde, nicht mehr darum, das „infantile […] Bedürfnis“ zu stillen, „Trost zu finden an der Wiederkehr des Immergleichen“ (Umberto Eco). Die Aussage Ecos trifft aber nach wie vor auf Daily Soaps zu, die man in Deutschland fleißig weiter produziert. So sieht das auch Graf (Quelle: Die Zeit): „Das ganze Vorabendprogramm ist von 2000 an durch Soaps komplett zerstört worden.“

Was unterscheidet aber Daily Soaps von den oben beschriebenen serials?

Der größte Unterschied besteht in der unendlichen Fortsetzung und in der 20-25minütigen, täglichen Sendezeit. Die Resultate sind

•    vorhersehbare, absurde Handlungsstränge (z.B. der Versuch irgendwie dem Motiv der „verbotenen Liebe“ gerecht zu werden – ob Geschwisterliebe, Sex mit der (Mutter der) Ex und liebesgetriebene Intrigen im – zu allem Überfluss – hochadligen Familienkreis)

•    brachiale Gewalt gegenüber der Entwicklung einzelner Charaktere (ein Beispiel: verheiratete Freiberuflerin wird lesbisch und lässt sich scheiden, wandelt sich zur Businessfrau und handelt plötzlich an der Börse bis eine verdrängte Schwangerschaft hochkommt, woraufhin sie einen Nervenzusammenbruch erleidet, Gärtnerin wird, sich nach einer männlichen Schulter zum Anlehnen sehnt und dann eine Scheinehe mit einem bosnischen Kriegsflüchtling eingeht, bis sie feststellt, dass sie sich in einen anderen Mann richtig verliebt hat, der aber leider ihr Zwilling(shalbbruder?!) ist.)

•   platte Dialoge („Ich glaube, wir sollten mal miteinander reden.“ „Lass uns doch abhauen, einfach irgendwohin.“ „Ihr Mann ist tot – Was tot? – Ja, tot!“ „Du hast mich doch nie verstanden.“ (Quelle, Die Zeit))

•   schlechte Schauspieler ohne jede Erfahrung, die im naiven Glauben sind, die daily soap könnte für sie ein „Karrieresprungbrett“ sein.
Alles in allem handelt es sich um billige Produktionen. Was bleibt ist ein seifiger Beigeschmack, vergeudete Zeit ohne jeden Mehrwert.

Natürlich dienen series/serials in erster Linie der Unterhaltung. Das ist ja auch nicht verwerflich. Allein das Niveau hier in Deutschland ist beklagenswert. Ausnahmen sind „Berlin, Berlin“ und vielleicht auch noch „Türkisch für Anfänger“. Ganz anders, so sehen wir es zumindest, ist es bei vielen US-Produktionen. Allein der Anspruch, z.B. einem bestimmten Teil der Gesellschaft eine Kommunikationsplattform zu bieten, ist grundverschieden von dem hiesigen.

So geht es z.B. in der serial Mad Men um eine Werbeagentur in den 60er Jahren in NYC und die Werbebranche als solche. Man lernt die unterschiedlichen Charaktere – Männer (Chefs) und Frauen (Sekretärinnen) – kennen, die in dieser Agentur arbeiten, und ihr familiäres Umfeld, das sie zu den Handlungen treibt, die sie vornehmen. Man erlebt den Aufbruch einzelner Frauen, die sich mit äußerster Anstrengung hocharbeiten und konträr dazu die Hausfrauen, die in einem Vorort von NYC von der Langeweile erdrückt werden. Schwierig auch für die Männer den Ansprüchen der Schwiegereltern und der eigenen Ehefrauen zu genügen, stets reichlich Geld mit nach Hause zu bringen sowie harte Erziehungsmaßnahmen an ihren Kindern exerzieren zu müssen (von der Ehefrau gedrängt). Da die Handlung in den 60er Jahren spielt, bekommt es für uns dokumentarischen Charakter – „Dokufiction at its best“ sozusagen!

Die serial The LWord handelt von befreundeten Lesben in LA. die Sendung skizziert lesbenspezifische Probleme (so z.B. die Suche eines lesbischen Paares nach einem potentiellen Samenspender bis zur Stiefkindadoption sowie die noch heute aktuelle „don’t ask, don’t tell“ policy im Umgang mit Homosexuellen innerhalb des US-Militärs), zeigt aber auch „lesbenunspezifisch“ das alltägliche Berufsleben, Freundes- und Liebesleben auf eine entspannte, witzige und authentische Art (abgesehen davon, dass es von gutaussehenden, überaus femininen Lesben überall nur so zu wimmeln scheint) ohne belehrend zu werden.

veronica_mars_tvVeronica Mars ist ein Gegenentwurf zu den Highschool-Klischee-Filmen. Die besten Sprüche – sie stammen wohl von Veronica Mars, der Schülerin (und in Staffel 3 Studentin), die ihrem Vater und weiteren (meistens Schul)Klienten als Privatdetektivin mit ungewöhnlichen Methoden hilft. Den Spannungsbogen bildet pro Staffel die Lösung eines „großen“ Problems (Wer hat Veronicas beste Freundin Lilly Kane umgebracht?) und in jeder Episode gibt es ein „kleineres“ Problem (z.B. Wer hat im Internet einen gefälschten „Keuschheitstest“ im Namen von Veronicas Freundin Meg gepostet?), das zusätzlich gelöst wird und das die Handlung vorantreibt. Witzig, spannend (auch wenn es im ersten Moment nicht so klingen mag) – absolut empfehlenswert.

Natürlich haben die großen Fernsehsender in den USA wie ABC oder HBO (Bezahlfernsehen) oder Showtime (Bezahlfernsehen) andere finanzielle Möglichkeiten – das ist klar. Aber was hier fehlt, ist letztlich nicht das Geld, sondern der Mut, Neues zu erzählen auf eine für das deutsche Fernsehen neue Art und Weise. Man muss sich fragen, ob man sich von Quoten fremdbestimmen lassen will und Altbekanntes in bewährter Weise erzählt oder ob man selbst etwas Neues schafft.

Und – wenn man schon nur amerikanische serials und series sendet, dann könnte man auch vermehrt dazu übergehen, diese in Orginalsprache mit deutschen Untertiteln zu senden. Denn die Qualität und der Wortwitz leiden oftmals unter der Synchronisation und Übersetzung. Auch verschwimmen bestimmte Feinheiten wie z.B. Milieuzugehörigkeit durch Slang usw., was bedauerlich ist.

Was meint ihr dazu? Kennt ihr gute deutsche serials oder series? Oder schaut ihr euch amerikanische serials/series oder gar keine an?

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Post Navigation