Das Ruhrgebiet literarisch: zwischen Begeisterung und Sprachlosigkeit

ruhrbuchSommer, Sonne, Sonnenschein und Zeit für Lektüretipps an Strand und See. Das RUHR.BUCH, herausgegeben von Gregor Gumpert und Ewald Tucai, versammelt Texte aus dem und über das Ruhrgebiet – wo die Sonne verstaubt? Von Sarah Meyer-Dietrich


„Ich freue mich, dass ich wieder zu Hause bin, ich war all die Schönheit und den blauen Himmel ein wenig leid.“ Worte einer jungen Frau, die in Heinrich Bölls Geschichte „Heimat“ aus dem Urlaub zurück ins Ruhrgebiet kommt. Warum lieben wir Menschen im Ruhrgebiet „unseren Pott“ so sehr? Und warum ist es so schwer, diese Liebe zu erklären? Fragen, die ich mir unwillkürlich stellte, als ich begann das RUHR.BUCH (Hrsg. Gregor Gumpert und Ewald Tucai) zu lesen.

Im Kapitel RUHR.TOUR finden sich Berichte von Besuchern, die das Ruhrgebiet (wieder-)entdecken. Michael Holzach folgt der verdreckten Emscher bis nach Dortmund-Applerbeck und fühlt sich wohl zu Besuch in der Psychatrie, Heinrich Heine bejubelt nicht ohne Ironie die „Löwenherzen“ der Westphalen und Roger Willemsen fällt „kein Satz über Moers“ ein. Das ist die typische Ambivalenz, mit der dem Ruhrgebiet seit jeher begegnet wird: Zwischen Staunen und Kopfschütteln, Begeisterung und Sprachlosigkeit.

Im Kapitel RUHR.KIND bietet sich dem Ruhrgebietsleser ein nostalgischer Rückblick in ein Erwachsenwerden zwischen Kiosk und Wundertüte, Taubenzüchtern und Pütt, Pöhlen und der ersten Liebe am Kanal, Migration und beengten Wohnverhältnissen. Eine schwarzweiße Kindheit, „von Kohle und Persil geprägt“ (Marion Poschmann). Für Besucher erhellend: Um die Menschen zu verstehen, muss man wissen, wie sie aufgewachsen sind. Während die Pottkinder erwachsen werden, schließen die Zechen, hört das schwarze Herz des Ruhrgebiets auf zu schlagen, geht nicht nur die Kindheit zu Ende.

Das Kapitel RUHR.METROPOLE leitet in die Irre. Den Eindruck einer Ruhrmetropole bekommt man hier nicht. Da erzählt Horst Krüger 1969 vom größenwahnsinnigen Bau der Ruhr-Uni Bochum. Vorher gab es keine Uni im Ruhrgebiet. Weil Wilhelm II. den Bau von Universitäten im Ruhrgebiet verboten hatte. Wundert es da, dass manche Ruhrgebietler heute noch skeptisch auf das Bildungsbürgertum schauen? Und dann fällt Franz Hohler kein ordentlicher Satz über Gelsenkirchen ein. Und Florian Neuner keiner über Bochum. Nur Herbert Grönemeyer hält trotzig dagegen, dass es hier doch viel besser ist als man glaubt. Weggezogen ist er aber trotzdem. Und wie seine Kulturhauptstadthymne gezeigt hat, fallen ihm jetzt auch keine Sätze mehr ein über seine Heimat. So viel Sprachlosigkeit tut weh.

Gnadenlos geht es weiter mit der RUHR.KULTUR. Multikulti-Leben auf Duisburgs Straßen (Ralph Giordano), Kneipenkultur im Ruhrpottslang (Jürgen Lodemann und Wolfgang Welt), Fußballkultur (Frank Goosen). Ja sicher, das bewegt im Pott. Aber deshalb sind wir doch nicht Kulturhauptstadt geworden. Oder vielleicht doch? Vielleicht auch deshalb? Oder gerade weil? Wer hofft, etwas über die hohe Kunst im Ruhrgebiet zu erfahren, der lese die Tageszeitung. Im RUHR.BUCH erfahren wir, dass die Kunst in der „Kruppstadt Kaputtstadt“ Essen genau so tot sei wie die Stadt (Jürgen Lodemann) und „Grönemeyer lebt hier nicht mehr “ (Wolfgang Welt).

Eine traurige Bilanz. Wenn das RUHR.BUCH hier zu Ende wäre. Ist es aber nicht.

Mit dem Kapitel RUHR.POTT erwachen die tausend Feuer der Ruhrstadt wieder. Hier erfahre auch ich als zu spät geborenes Pottkind viel über meine Heimat. Während der Himmel noch schwarz ist, die Hochöfen brennen, die Kumpel unter Tage schuften, Hunger haben, streiken, schuften bis zum Umfallen, sitzen die Krupps in der Villa Hügel und werden reich. Schonungslos und ehrlich wird hier aufgeräumt mit der Schönfärberei des Industriezeitalters. Und ich wünsche mir sehr, dass Franz Hohler den „Zwischenruf aus Gelsenkirchen“ liest, der auf all das Elend aufmerksam macht.

In RUHR.KRIEG leidet das Ruhrgebiet unter französischer Besatzung, in RUHR.SAGE entdeckt Schweinhirt Jörgen die brennenden Steine. Und im Epilog endlich entwirft Hans van Ooyen eine Zukunftsversion des Ruhrgebiets – im Jahre 2031 eine echte Metropole der Kunst und Wissenschaft.

Das RUHR.BUCH bietet keine Lobeshymnen auf die Kulturhauptstadt, keine Schönfärberei. Es erzählt weniger Geschichten als Geschichte. Es hilft zu verstehen. Warum das Ruhrgebiet heute ist was es ist. Aber auch: Warum man es lieben muss.

Hans van Ooyen schreibt, dass er sich mit zehn Jahren zum ersten Mal wegwünscht aus dem Ruhrgebiet. Und dass er mit siebzig immer noch in der Zechensiedlung wohnt. Ich würde ihn gerne fragen, warum. Wahrscheinlich, weil er mehr sieht. Weil er sieht, was war. Und sieht, was sein könnte. Und weil ihm Sätze einfallen über das Ruhrgebiet. Sätze, die vielleicht irgendwann wahr werden.

Gregor Gumpert, Ewald Tucai (Hrsg.): „RUHR.BUCH -Das Ruhrgebiet literarisch“

dtv, € 9,90, ISBN 978-3-423-13826-0

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