Musik, die die Ordnung sprengt

technophonicWenn ich an Technomusik denke, dann verbinde ich mit dieser eines nicht: klassische Musik. Junge Tanzwütige versus ergraute Eminenzen, „Partytime!“ versus intellektueller Anspruch, Bass, Bass, Bass, Bass versus Streicher, Holz- und Blechbläser im 6/8-Takt. Techno und Klassik scheinen nicht miteinander vereinbar. Aber Technophonic bringt beide zu einer überwältigenden Synthese und fegt die gegenseitigen Vorurteile vom Tisch! Ein geniales Konzerterlebnis. Von Ilse-Dore Gräf.

Am Freitag, den 2. September 2011, traten im Rahmen der Ruhrtriennale in der Jahrhunderthalle in Bochum Technophonic (Francesco Tristano – Klavier und Leitung, Moritz von Oswald – Live Elektronik und Carl Craig – Live Elektronik) gemeinsam mit den Duisburger Philarmonikern auf. Und sie rockten das Haus!

Aber alles nacheinander.

Anfangs hatte alles den Anschein nach einem typischen, klassischen Konzertabend. Die Konzertbesucher ließen die Getränke in der Vorhalle stehen, nahmen ihre nummerierten Platz ein, klatschten, als das Orchester die Bühne betrat und klatschten lauter, als die Solisten die Bühne betraten. Danach Ruhe. Konzertbeginn. Alles hatte seine klassische Ordnung.

Dann: „Start Click“, wie es auf der „Setliste“ (statt Programmablauf) heißt. Craig und von Oswald beginnen mit Hilfe ihrer Laptops elektronische Geräusche zu mischen und allmählich und ganz leise, bildet sich ein Rhythmus heraus: Vier Töne (sehr kurz, kurz – kurz, kurz), die stur und unaufhaltsam repetiert werden (wie bei Carmina Burana). Sie geben dem ersten Stück „Darkness“ den Puls. Sie werden von den Streichern, Holz- und Blasbläsern imitiert, entzünden sie sozusagen, und nach und nach ist der elektronische Loop von dem des Orchesters nicht mehr zu unterscheiden. Man weiß nicht mehr, wer wen imitiert. Es verschwimmt zu einer Einheit. Schließlich beginnen die Hörner damit, ein konträres Thema vorzutragen (lang, kurz, lang, lang), das ebenfalls von allen Instrumentengruppen übernommen wird – sich stetig steigernd und lauter werdend, bis hin zum Höhepunkt, um daraufhin wieder leiser zu werden. Als ob sie sich uns Zuhörern nähern und wieder verschwinden würden. Und übrig bleibt: Der elektronische Beat, der sich in die Luft schwingt und allmählich verebbt. Das erste Stück endet.

Es ist keine leichte Musik, die uns dargeboten wird, und sie ist sehr anspruchsvoll. Das kommt manchmal unfreiwillig bei den Duisburger Symphonikern zum Vorschein, die zwischenzeitlich eher gegen den Beat anzukämpfen scheinen als mit diesem zu harmonieren. Aber es ist auch sehr schwierig, denke ich, und fühle mich an das Üben mit dem Metronom erinnert, das unbarmherzig weiterschlägt und jede Millisekunde der zeitlichen Verzögerung sofort bestraft. Und so leide ich mit den Musikern und atme auf, als es zu den Transitions (den Übergängen zwischen den verschiedenen Stücken) kommt, die von Tristano, von Oswald und Craig frei gestaltet werden. Diese sind ziemlich genial! Am eindrücklichsten finde ich Tristano, den Pianisten, der mal sitzend, mal stehend in die Tasten haut und dem Flügel die unterschiedlichsten Klänge entlockt. Von Zeit zu Zeit greift er in das Flügelgehäuse hinein, dämpft Töne oder produziert metallene Geräusche. Er mischt auf seinem Flügel die Musik, wie Craig und von Oswald dies mit ihren Computern tun. Dabei gerät er in völlige Ekstase, ist aber auf den Punkt zurück, um das Orchester vom Flügel aus mit präzisen Handbewegungen zu dirigieren. Ich habe selten erlebt, dass jemand so leidenschaftlich spielen und gleichzeitig so messerscharf mit kleinsten Zeichen ein Orchester führen kann. Von Oswald hingegen mischt im Hintergrund und sucht die Anonymität, während Craig auf einer Empore über dem Orchester steht und durch seinen puristischen Beat die maximale Spannung hervorruft.

Als zum ersten Mal die minimalistisch anmutende Zurückhaltung aufgegeben wird und ein richtiger Groove entsteht, fährt mir der Beat so durch die Glieder, dass ich unwillkürlich zucke und den Drang verspüre, mich zu bewegen. Aber alle bleiben noch ruhig, halten sich an die Regeln, die bei einem klassischen Konzertabend üblich sind. Hier und da sehe ich Beine wippen oder Fingerklopfen auf den Stuhllehnen, aber alles sehr dezent.

Aber dann beim dritten Stück ist es so weit: Der erste Zuhörer hält es nicht mehr aus. Er springt in einer der vorderen Reihen auf und beginnt ekstatisch zu tanzen. Zuerst scheinen alle etwas irritiert zu sein nach dem Motto: „So was gehört sich nicht bei einem Konzert.“ Aber dann lösen sich alle allmählich aus der genormten Erstarrung. Denn irgendwie erscheint es bei den wilden Beats, dem Swing und dem Bass, den man sogar körperlich spüren kann, viel passender zu tanzen, als still auf dem Stuhl zu sitzen. Außerdem – stellen die Musiker auf der Bühne nicht auch die Ordnung auf den Kopf? Und so beginnen wir erst zögerlich und dann immer lauter zu johlen und zu klatschen, während der Tanzende an den Rand der Bühne stürmt.

Doch schon lehnen sich die alten Ordnungsmächte in Form einer Ordnerin auf, die dem Tanzenden die Anweisung gibt, sich wieder hinzusetzen. War es nur ein kurzes Aufmucken eines vereinzelten Tanzirrenden, das wir beobachten konnten, oder war es der berechtigte Aufruf, das Konzert so zu erleben, wie es die Musik auf der Bühne selbst vorgibt? Das Publikum hat sich in wenigen Sekunden entschieden: gegen die klassische Ordnung, für dessen tanzende Auflösung. Gemeinsam buhen wir die Ordnerin kräftig aus, die geschlagen den Weg freigibt. Und schon eilen die nächsten zwei Tanzenden zur Bühne. Und die nächsten. Und die nächsten. Bei einem rund 75-Jährigen, der die Reihen verlässt, denke ich, er wolle flüchten. Doch unter Gejohle und Geklatsche rennt er ebenfalls nach vorne und schmeißt sich in die Gruppe der Tanzwütigen.

Der Damm ist gebrochen. Die alte Ordnung niedergerissen. Es wird gejubelt, in die Stücke hineingeklatscht. Wer Lust hat, verlässt seinen Platz in den vorderen oder hinteren Reihen und bewegt sich zu den Rhythmen der Musik. Es werden Getränke hervorgezaubert und sich hier und da Kommentare zugerufen. „Irre, einfach irre!“ So etwas habe ich noch nie gesehen, noch nie gehört, noch nie erlebt! Wow! Ich bin begeistert! Musik, kann was bewegen! Hört selbst!

Auf dem Ruhrtriennaleblog könnt ihr weitere Konzertberichte lesen.

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