Jens Steiner: „Carambole“

Jens Steiner: Carambole

Das zweite Buch auf meiner Lesereise durch die Shortlist des Kulturkreises führt in ein kleines, namenloses Dorf in der Schweiz…
von Larissa Winter.

Wie es der Untertitel „Ein Roman in 12 Runden“ schon erahnen lässt, erzählt Jens Steiner in seinem zweiten Buch Geschichten aus dem Dorfleben. Die Geschichten stoßen einander an, überschneiden sich, gehören zusammen und bleiben doch rätselhaft in ihrem Zusammenhang. Sie berichten von dem alten Mann hinter dem Fenster, den drei Jungs, die durch Dorf und Felder streunen, dem Außenseiter Schorsch und weiteren Eigenbrötlern, Suchenden, Abgestürzten. Alle scheinen darauf zu warten, dass etwas passiert, und sind doch zugleich im Warten gefangen.

Igor, dessen Mutter zu Hause im Rollstuhl sitzt und deren Laute nur noch er verstehen kann, sinniert schon in der ersten Runde des Romans: „Zwei Wochen bis zu den Sommerferien, […] und noch immer ist nichts passiert. Alles wird an uns vorbeigelotst. Einen Anfang müsste man machen, einen kräftigen Satz hinein ins Leben, aber wie?“ Hinein ins Abenteuer und das Leben – es scheint nicht machbar, zu anstrengend, zu kompliziert. Also zieht Igor weiter mit seinen beiden Schulkameraden durch die Straßen und Wiesen der Umgebung und lauscht unbeteiligt den Vorträgen der anderen. Später wird sich Igor fragen: „War dies das Ende, ohne dass es je einen Anfang gegeben hätte? Hier stand er an der leeren Straße, und es war ihm, als ob alle für immer gegangen wären. Eine Oma hier, ein Arbeiter dort, ein Hund, ein Vogel, aber das waren nur Geister.“

Ähnlich wie Igor ergeht es auch den anderen Protagonisten in Carambole – ein Roman, der nicht nur durch die ungewöhnliche Erzählform zu etwas Besonderem wird, sondern auch durch die dichte, ausdrucksstarke Sprache. Sie zieht den Leser in ihren Bann und kreiert eine Stimmung, die von Stagnation und Tristesse geprägt ist. Am Ende bleiben noch viele Fragen offen, auch die nach dem Anfang. Kann es einen geben? Gab es etwa schon einen, vielleicht gar mehrere Anfänge, die sich der Wahrnehmung der Protagonisten entzogen haben? Übrig bleibt der Eindruck, ein sprachgewaltiges Werk gelesen zu haben – und ein beklemmendes Gefühl, dass irgendetwas passieren sollte. Doch Steiner schließt mit den Worten: „Nichts passierte. Alles passierte.“

Eine ausführliche Buchbesprechung zum Anhören gibt es beim SRF.

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