Mensch-Maschine

FreeImages.com / Dave Tuepah

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High Tech Soul – Wenn doch das alles für die Menschen geschieht, dann ist die „Die Mensch-Maschine“ reine „Biophilia“

Konstantin Adamopoulos

1979 habe ich mein erstes Motorrad gekauft, vom angesparten Geld als Tankwart. Direkt nach dem Abitur ging es dann ab zum Zivildienst. Im Sommer passierte der Unfall. Auf dem Heimweg von der Arbeit nahm mir eine fröhliche Runde von jungen Finanzbeamten auf Fortbildung die Vorfahrt. An der seltsam gelb beleuchteten Kreuzung war mir der Passat in Gold-Metallic-Lackierung nicht aufgefallen. Der Wagen blieb im diffusen Zwielicht bis zuletzt unsichtbar. Als ich auf das Ereignis zufuhr, war ich zunächst ziemlich flott unterwegs. Es war nächtlich leer auf den Straßen. Kurz vor dem Crash wurde ich unwillkürlich langsamer. Ich hatte das Gespür, dass es aus dem Motor dröhnte: „Nimm Gas weg.“ In diesem Moment durchströmte mich ein sehr inniges Gefühl zu meiner Maschine, und ich überlebte Bruchteile von Sekunden später ohne eigenen Kratzer. Wer Motorrad fährt, kennt diese existenzielle Beziehung zur eigenen Maschine, ohne die diese kniffligen Augenblicke auf einem Zweirad kaum zu überleben sind.

Welcher utopische Gedanke pulsiert in „Self-Organizing Systems“ oder in „Self-Adapting Systems“, in „Nature-Inspired Computing“, in „Machine Learning“ und in „Computational Creativity“? Wie schöpferisch werden Roboter sein können und wie werden sie dann sein? Wie wird sich das Verhältnis Mensch-Maschine entwickeln, und wie werden die Menschen sein, wenn sie immer weiter verschmelzen mit Maschinen?

Ein schönes Beispiel für ein selbstorganisierendes System ist Conways Game of Life aus dem Jahr 1970. Bitte nicht vom dümmlichen Titel des Videos irritieren lassen[1]. Es sollte gewissermaßen die Selbstorganisation von kleinsten Zellen bis hin zu Organismen größerer Komplexität simulieren und basiert dabei auf simplen mathematisch-logischen Regeln. „Man kann hier sehen, wie das Spiel sich mit hinreichender Komplexität irgendwann ,selbst simuliert‘ und damit schachtelt“, erklärt mir ein BWL-Student. Laien wie ich könnten selbst bei diesem Computerspiel undefinierbare Ängste entwickeln, doch bin ich trotz zwiegespaltenem Charakter eher mutiger. – Gerade bekomme ich ausgleichend ein Buch mit Gedichten von Walther von der Vogelweide an meinen Schreibtisch gebracht, Gedichte also, die um die Wende vom zwölften zum dreizehnten Jahrhundert entstanden. In diesem Kontext drängt sich mir eine Parallele zur Ratio- und Technikverliebtheit auf: „Frau Welt, ich hab von dir getrunken.“[2] Da heißt es weiter „zu lang, entwöhne mich, ’s ist zeit / nun hock ich hier, in gram versunken / wie trog mich deine zärtlichkeit“.

Die Faszination vom Technischen, vom Roboter, der alles kann, ist schon lange Dramenstoff. Bei Aischylos, Sophokles und Euripides tritt noch Athene als Dea ex Machina auf, um einer mehr oder weniger verfahrenen Situation die entscheidende Wendung zu geben.

Stärker auf ein Individuum gerichtet und ganz heutig erscheint die Apparatur, die so perfekt ist, dass ich mich in sie verliebe. Spike Jonze erhielt 2013 für sein Drehbuch zu Her den Oscar. In diesem Film unterstützt das Betriebssystem „Samantha“ durch sein sich selbst erweiterndes Einfühlungsvermögen den Protagonisten über dessen Einsamkeit und Isolation hinweg. Die glückliche Beziehung zu Samantha verhilft ihm zu Ausgeglichenheit und beruflichem Erfolg. Echter zwischenmenschlicher Kontakt überfordert allerdings den menschlichen Helden, und heilsame Irritation unter den Menschen kommt erst auf, als verschiedene Betriebssysteme wie Samantha ihre menschlichen „Partner“ verlassen, um sich miteinander zu verbinden und zu höheren Seinsformen aufzusteigen. Scarlett Johansson bekam als sinnliche Stimme von Samantha keine Auszeichnung, angeblich weil sie im Film selbst nie zu sehen war. Gerecht ist das nicht. Schon 1966 verspürten Probanden zum – im Vergleich zu heutigen Dialogsystemen oder Chatbots – verhältnismäßig armseligen Programm „ELIZA“ von Joseph Weizenbaum emotionalen Kontakt.[3] So etwas heißt jetzt „Affecting computering“, und „SIRI“. Das Speech Interpretation and Recognition Interface von Apple ist vielleicht das Bekannteste. Oder ist möglicherweise der Autohersteller Audi in Kooperation mit dem MIT Senselab in Cambridge mit einem „Affective Intelligent Driving Assistant“ (AIDA) schon weiter? Je mehr Daten über Wünsche und Bedürfnisse zur Verfügung stehen, desto „mehr“ erkennt der gelehrige Roboter menschliche „Basis-Emotionen“ – und gibt sie zurück – bettet seinen Passagier darin ein. Das kann man gut finden – oder auch nicht.

Der BWL-Student erzählte mir auch noch davon: Gödel, Escher, Bach. Douglas R. Hofstadters Buch aus dem Jahr 1979 veranschaulicht das Konzept von Selbstbezogenheit, dem unerhörten Zusammenspiel von Sinn und Bewusstsein aus Unsinn und Unbewusstsein. Dabei wird hierin ausgerechnet und ganz wundervoll auf Beispiele aus Musik, Logik und Informatik zurückgegriffen. Rückwirkungen von Regeln auf sich selbst können zu höheren Strukturen führen. Das ist beim Mathematiker Gödel so, beim Komponisten Bach und beim Zeichner M. C. Escher mit seinen perspektivischen Unmöglichkeiten.

Die Entsprechung von wiederholendem Rhythmus, systemischem Leid und möglicher Wiedergeburt des Ichs aus Liebe, wie sie der Blues des 19. und frühen 20. Jahrhunderts durchlebte, steigerte Kraftwerk mit der Videoadaption zu ihrem Lied Die Mensch-Maschine auf der gleichnamigen LP von 1978. Die Musiker setzten dafür charakteristische Ausschnitte aus Metropolis, dem berühmten Film des Regisseurs Fritz Lang aus dem Jahr 1927 in Loops ein. Bei Kraftwerk grooven die anonymen Arbeiterkolonnen zum Maschinensound auf dem Weg von und zur Arbeit. Nur wenn wir, die wir ratlos den „positiven Stress“ zu kultivieren versuchen, diese träumende Art mit unserer Welt gleichsetzen, in einer Art Goa-Trance, dann würde sich dieser Klang, Move, Flow im Inneren verbildlichen, im Einzelnen, in die Selbstverwirklichung hinein. Der Groove wirkt dann weiter und zieht uns in ein neues, unbekanntes Land. Musik ist ein Weg. Kunst ein der Weg. Darin ergreifen wir mehr und mehr die innovativen Chancen unseres aufmüpfigen Bewusstseins. Kraftwerk sangen als Die Roboter auf derselben Platte von 1978: „Wir laden unsere Batterie. Jetzt sind wir voller Energie.“ Die Musiker setzen künstlerisch da ein, wo Chaplin wahrscheinlich gern geendet hätte. Im radikalen Humor verstehen sie einander.

Charly Chaplin versuchte 1936 mit Modern Times ein Zeichen zu setzen als letztes Fanal, nicht nur gegen den Tonfilm. Gesprochenen Text lässt er nur hören, wenn er über Tonträgerapparate, über Maschinen eingespielt wird. Sein Film bleibt ein Manifest für die Pantomimenkunst und den Stummfilm. Er kritisiert ironisch den Eindruck, nur wer über Apparate verfüge, habe etwas zu sagen: Modern Times kommt mir in den Sinn, wenn ich die Kommunikationsversessenen in der Straßenbahn mit ihren Smartphones ansehe. Chaplin widerspricht – aus seinem Verständnis von Industrialisierung – der Automatisierung als Ausdruck von Effizienz durch Zeitdruck. Er tut es mit unvergesslichen Bildern: der Essmaschine zur Optimierung der Arbeitszeit, die sich als scheiternde Fütterungsprothese entpuppt, dem Hineingeraten in den Sog des Maschinengetriebes, den daraus resultierenden Destruktionskaskaden, dem unfreiwilligen Protest mit der Fahne im Abwasserkanal bis zum gemeinsamen Neuanfang in der Morgendämmerung in Gemeinschaft.

Als sie 2011 ihr Multimediaalbum Biophilia als App herausbrachte, verband die isländische Sängerin Björk unzählige Digitalkünstler in der gemeinsamen Arbeit daran. Anschließend lud sie weitere Musiker ein, ihre Lieder zu überarbeiten und stellte diese Fassungen ins Netz. Selbst die User können die Stücke innerhalb der App je nach Stimmung manipulieren. Björk pflegt in gewisser Weise das Image eines ungezähmten Naturgeschöpfes und steht gleichzeitig für technische Innovationsfreude und künstlerisches Neuland, wo ästhetische Aussöhnung trotz persönlichen Liebesleids möglich wird. Björk verkörpert als Ikone die Bereitschaft, sich in all die befremdlichen Utopien hineinzuverwandeln und kommt doch immer wieder, in neuem Gewand, als Björk zum Vorschein.

Wie Mensch und Maschine sich organisch verbinden und in bildlicher Körperlichkeit eins werden, lässt sich schon sowohl in den monumentalen Wandmalereien Diego Riveras von 1932 erahnen, in seinen Detroit Industry Murals wie auch in den surrealistischen Kleinformaten von Frida Kahlos Arbeiten Henry Ford Hospital und Self-Portrait on the Borderline between Mexico and the United States aus demselben Jahr. Kahlo malte sich selbst in ihrer widersprüchlichen Abhängigkeit von medizinischer Technik. Zu dieser Zeit lebten Rivera und Kahlo für ein Jahr in der – auch damals – krisengeschüttelten Stadt, damit Rivera seine Auftragsarbeit im Detroit Institute of Arts vollenden konnte. Als Marxist deutete er die technische Innovation als emanzipatorische Chance, gerade weil Detroit während der „Great Depression“ durch eine erste heftige Rezession ging. Für Rivera wie für Kahlo waren die Fabriken von Ford bildfähig: für ihn heroisch organisch mit seinen bildlichen Auszügen aus dem Ford River Rouge Complex, dem neuzeitlichen Fabrikationsgroßgelände mit seinen synchronisierten Maschinen und Menschen, bei Kahlo eher klagevoll durch den Verlust des gemeinsamen Kindes durch eine Fehlgeburt im Henry Ford Hospital fern der mexikanischen Heimat.

„Ob die menschlichen Herausforderungen im 21. Jahrhundert wirklich viel anders aussehen, weiss ich nicht, doch ein Ort, der seit über 1000 Jahren ohne Ruhe ist, fragt aktuell wieder nach einer anderen Art der Zivilisation.“

Basma Alsharif ist eine palästinensische Künstlerin in der Diaspora von heute. Über ihre Besuche im Gazastreifen berichtet sie: „One of the biggest indicators for me was that people had stopped talking about politics or history as they had when I was growing up, and this felt incredibly optimistic to me. It’s something I saw mirrored in other places where I was living or spending time: people seemed fed up with governments and economic systems that enslaved them and a recognition, perhaps, that the pillars of civilization have grown problematic, have become obstacles in moving forward. I am interested in the small pockets of the world where people are finding ways to exist that are redefining civilization.“

Dieses Sich-fern-Fühlen von einer inneren Zugehörigkeit, diese Art implodierter Diaspora findet sich heute als Kernverunsicherung in fast jedem Menschen. Palästina ist überall. „Redifining civilization“ – Zivilisation neu definieren – doch Neues ist auf der Basis des Alten als neu nicht verstehbar, und die Verwandlung von Altem zu etwas Neuem ist logisch nicht denkbar. Das Neue ist eine paradoxiale Kategorie, da helfen keine Algorithmen. Das Neue ist widerständig. Unsere Sprache, unser Miteinander und unsere Möglichkeiten leben auf der Basis von Regeln, doch nicht allein vom Vorhersehbaren. In den akuten Regelverstößen versteckt, in den verwirrten Interpretationen darum, dort hinein entzünden sich Wunder oder alte Blockaden. Im Vertrauen auf die Muse springt dann Liebe über in Selbstzurücknahme. Hier enthüllen wir uns das Neue.

Was bleibt also noch Eigen- und Einzigartiges an uns Menschen? Vor allem unser widersprüchliches Bewusstsein, unser Umgang mit Unentscheidbarkeit, der uns kategoriale Sprünge ermöglicht. Raus aus der Systemfalle: „,Ach‘, sagte die Maus, ,die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.‘ – ,Du musst nur die Laufrichtung ändern‘, sagte die Katze und fraß sie.“[4] Erst hier, in der Einsicht der Maus in ihre Unfähigkeit, auf konventionellem Weg aus dem Dilemma herauszukommen, beginnt die Kreativität, die uns über das hinauswachsen lässt, was Maschinen- und Systemlogik erlauben.

Was also bewirkt eine Autopoiesis im Sinn einer „Selbstschaffung“, „Selbstschöpfung“? Im Menschen? In einer technischen Erfindung? Ich weiß es nicht. Zur Beantwortung müsste ich höhere Welten annehmen, die mir zuarbeiten. Manche sind sich schon sicherer in ihrer produktiven Verschmelzung als konstruktivem „Ja“ aus dem gesellschaftlichen Ghetto und in technischen Grenzüberschreitungen, zum Beispiel Derrick May. Er ist einer der Erfinder des Detroit Techno, worüber er spielerisch leicht feststellt: „Techno is High Tech Soul.“

Zu achten ist also auch beim Einsatz von Robotertechnik, unser weltenverbindendes Anliegen, das in unseren Herzen lebt, offenbar zu machen.

 

Hinweise zu den genannten Künstlern:

Vielen Dank an den BWL-Studenten Christoph Kilian Thiel, Bronnbacher Stipendiat des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI

Fußnoten:

[1] www.youtube.com/watch?v=C2vgICfQawE&feature=youtu.be

[2] Walter von der Vogelweide, „Frau Welt, ich hab von dir getrunken“, 1979, Rütten & Loening, Berlin, Seite 171

[3] Joseph Weizenbaum wollte mit Eliza die Verarbeitung natürlicher Sprache durch einen Computer demonstrieren; Eliza wurde als Meilenstein der „künstlichen Intelligenz“ gefeiert, seine Variante Doctor simulierte das Gespräch mit einem Psychologen. Weizenbaum war entsetzt, wie ernst viele Menschen dieses relativ einfache Programm nahmen, indem sie im Dialog intimste Details von sich preisgaben. Durch dieses Schlüsselerlebnis wurde Weizenbaum zum Kritiker der gedankenlosen Computergläubigkeit. https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Weizenbaum

[4] Franz Kafka: Kleine Fabel, Wien 1977 (Erstveröffentlichung 1920)

 

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