Diskutieren Sie mit! Gedanken zur Arbeitswelt der Zukunft

FreeImages.com / Katia Grimmer-Laversanne

 

Eindrücke der Bronnbacher zu den Bonameser Gesprächen

Im November 2016 lud Friedrich von Metzler zum dritten Mal zu den so genannten „Bonameser Gesprächen“ in den gleichnamigen Ortsteil nach Frankfurt ein. Zielsetzung dieser Gesprächsreihe ist der Austausch zwischen Persönlichkeiten aus Kultur und Wirtschaft über aktuelle Themen. Mit eingeladen sind auch immer einige Bronnbacher Stipendiaten.

Bei den diesjährigen Bonameser Gesprächen lautete das Thema „Zukunft der Arbeit, Arbeit der Zukunft “. Moderiert von der Bronnbacher Alumna Olivia Maurer, diskutierten hierzu unter anderem Wilfried Porth, Personalvorstand Daimler und Vorsitzender des Arbeitskreises Kulturelle Bildung (AKB) des Kulturkreises, Lea Böhm, Gründerin und Geschäftsführerin AllesRoger UG, Sabine Falke-Ibach, Geschäftsführende Gesellschafterin RUD. IBACH SOHN und Dr. Roland Geschwill, Geschäftsführer Geschwill + Nieswandt – Denkwerkstatt für Manager.

In den folgenden Statements beschreiben vier Bronnbacher, wie sie den Abend erlebt haben und was sie mit dem Thema verbinden. Was ist Ihre Meinung zum Thema? Gerne veröffentlichen wir Ihren Kommentar – nutzen Sie gerne unten die Kommentarfunktion.

*

„Das Leben: eine Ziffer?“

Florian Boland

Was passiert, wenn man Künstler herausfordert, sich zu aktuellen Themen zu äußern?

Richtig, sie geben einem Antworten in Form ihres musischen Wirkens. Grandiose Meisterwerke sind so entstanden.

Und was passiert, wenn man eine Gruppe kunst- und kulturinteressierter Persönlichkeiten jeder Generation herausfordert, sich zu aktuellen Themen zu äußern?

Richtig, sie geben Antworten in Form der Bonameser Gespräche. Ob es das Potenzial hat, sich zu einem Meisterwerk zu entwickelt, das wird die Zeit zeigen. Spürbar ist, dass die Bonameser Gespräche den Nerv der Zeit treffen und sich zu einer kleinen Institution entwickeln. Zum dritten Mal, am gleichen Ort kommen Menschen zusammen, um miteinander zu reden. So sieht es auch Herr von Metzler.

Und dieses Mal, das Thema „Zukunft der Arbeit, Arbeit der Zukunft“. Ein zunächst unscheinbares Wortspiel, das sich nach genauerem Hinschauen zu einem wahren Kunstwerk entwickelt.

Ein Kunstwerk, dessen Fragenzeichen die Ausrufzeichen übersteigen.

Ein Kunstwerk, dessen Farben wir noch nicht alle erfasst haben.

Ein Kunstwerk, das uns faszinieren und gleichzeitig verzweifeln lässt.

Ein Kunstwerk, das fertig scheint, aber gerade erst anfängt. Gestaltet von uns als Gesellschaft. Es erinnert an die „soziale Plastik“ und „Jeder Mensch ist ein Künstler“ von Joseph Beuys.

Das Ganze hat einen Namen gefunden. An diesem Abend war es: „Digitalisierung“

Der Begriff stammt vom lateinischen Wort „digitalis“ ab, was laut Duden „in Ziffern dargestellt“ bedeutet. Lässt sich wirklich alles beziffern? Stellen wir uns vor: Die Zukunft: eine Ziffer. Die Arbeit: eine Ziffer. Das Leben, der Mensch, Gefühl, Ethik, Moral:  … eine Ziffer?

Antworten wir mit ja, wäre dann alles berechenbar? Kann das sein?

Antworten wir mit nein, kommt dann Digitalisierung an ihre Grenzen? Was passiert nach den Grenzen?

Vielleicht sollten wir uns auch darüber Gedanken machen, ob Digitalisierung eine weitere Bedrohung der zentralen Stellung des Menschen ist?

Erst ist die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums. (Kopernikus)

Dann spielt der Mensch keine zentrale Rolle in der Evolution (Darwin)

Auch sind wir in unserem eigenen Haus nicht die Herren. (Freud)

Jetzt die Digitalisierung? An-Aus-An-Aus …!

Bleiben wir im Hier und Jetzt. Wach mit allen Sinnen, miteinander und füreinander.

Beobachten und unterstützen wir die, die vielleicht keine Stimme haben. Die, die mit ihrem täglichen, stillen oder musischen Wirken Grandioses leisten.

_DSC8702Fotograf: Julian Rieken

*

„Lernen braucht Zeit“

Falko Gauß

„Die Arbeitswelt der  Zukunft wird von allen Beteiligten lebenslanges Lernen erfordern“. Was im Jahr 2016 wohl schon lässig als Kalenderspruch durchgehen würde, war ebenfalls auf dem 3. Bonameser Gespräch eines der häufig bemühten Motive. Lebenslanges Lernen – quasi ein jungsteinzeitliches Erfolgsprinzip der menschlichen Spezies – soll und wird definitiv auch weiterhin in der Zukunft eine wichtige Voraussetzung für den Produktivitätserhalt darstellen.

Aber als Lernender und Lehrender weiß ich auch: Lernen braucht Zeit. Zeit für Umwege, Fehler, persönliche Identifikation mit dem Lernstoff und prüfende Reflexion. Und gerade diese Zeit fehlt uns in einer durch Digitalisierung und globale Vernetzung zunehmend beschleunigten Welt. Lebenslanges Lernen muss sich in diesem Zusammenhang für viele Menschen eher nach Zertifikate sammeln, Hamsterrad und letztlich eben wie ein fromm-zynischer Kalenderspruch anhören.

Eine Schlüsselfrage der Arbeitswelt der Zukunft aus meiner Sicht ist deshalb, wie Zeit und Freiräume zum Lernen und zur persönlichen Entwicklung geschaffen werden können.  Vielleicht mit einem Grundeinkommen, aber ehrlich gesagt, hoffe ich insgeheim noch auf wesentlich visionärere Konzepte.

 

*

 

„Wie wollen wir als Gesellschaft Digitalisierung nutzen?“

Hellen Gross

Den Menschen unterscheidet von der Maschine, dass er originäre Kreativität, Innovationsdrang, Schaffenskraft, Neugierde und den unbändigen Wunsch besitzt, seine Umwelt zu gestalten. Daran werden auch die Digitalisierung unserer Lebens- und Arbeitswelt und die damit einhergehenden disruptiven Innovationen nichts ändern. Für mich stellt sich die Frage: Wie werden wir diese Innovationen nutzen, um die künftige Arbeitswelt unter Einbezug aller Sozialpartner aktiv mitzugestalten und Missstände in unseren individuellen und gesellschaftlichen Lebenswelten abzubauen? Wie bei vorangegangenen, technologischen Innovationen geht es auch bei dieser darum, als Gesellschaft zu definieren, wie wir die Digitalisierung nutzen wollen. Dazu bedarf es nicht nur den Einsatz der genannten originären Kreativität und Innovationskraft eines jeden einzelnen, sondern den Dialog mit vielen – sei es der Dialog zwischen Arbeitnehmern und dem Management, sei es der Dialog zwischen der Bürgerschaft und einer Kommune oder der Dialog zwischen den Wählern und ihren Politikern. Stattfinden kann der Dialog strukturiert über die Mitbestimmung in Unternehmen, über Bürgerforen und -beteiligungen, in Schulen, Gemeindezentren, Vereinen und in vielen anderen Institutionen, die sich als Schnittstelle zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft eignen. Gerade die digitalen Instrumente ermöglichen erst diesen Diskurs unter vielen.

Aber auch im kleineren Kreis, eher informell, muss Austausch stattfinden, um gemeinsame Vorstellungen von einer digitalisierten Arbeitswelt zu finden. Die Bonameser Gespräche bieten hierfür eine geeignete Plattform, denn sie bringen Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur zusammen und ermöglichen einen Sektor-übergreifenden Erfahrungsaustausch zum Thema Digitalisierung. Das beflügelt die Neugierde und macht Lust auf Schaffen und Gestalten. Ein Impuls, den wir Teilnehmer in unsere eigene Arbeits- und Lebenswelt mitnehmen. Für meinen Arbeitsalltag ein wichtiger Impuls für neue Forschung: Besonders geeignet als Institutionen an der Schnittstelle zwischen Individuum und Gemeinschaft sind meines Erachtens Kulturorganisationen. Als Ort des freien Denkens, des Experimentierens und des Miteinanders bieten sie den idealen Nährboden gesellschaftliche Fragen zur Diskussion zu stellen. Kulturorganisationen haben nachweislich die Kraft, Werte zu formen und Gemeinschaft zu entwickeln. Damit können sie eine zentrale Rolle bei der Beantwortung der Frage, wie wir mit der Digitalisierung und ihren Innovationen umgehen wollen, spielen. Wie genau dies aussehen könnte? Ich bin neugierig, das nun herauszufinden!

 

*

 

The Speed is There, oder: Wie alternativlos ist die Digitalisierung?

Oliver Spalt

Die Bonameser Diskussion warf spannende und wichtige Fragen auf: Ist die Digitalisierung alternativlos? Eine Meinung ist: Wir müssen damit leben, oder – um eine Analogie zum algorithmischen Wertpapierhandel auf Finanzmärkten zu ziehen – „the speed is there.“

Ich sehe das anders. Mir ist das zu unkritisch. Nichts ist wirklich alternativlos. Wenn wir als Gesellschaft es wollen, können wir vieles bestimmen. Wir bauen keine Autos, die 500 km/h schnell fahren, wir steigen aus der Atomkraft aus, wir bestimmen, dass man in Deutschland keine Schusswaffen kaufen kann, und auf Finanzmärkten kommt vielleicht bald eine Geschwindigkeitsbegrenzung für das Handeln von Wertpapieren.

„Wie sorgen wir dafür, dass unsere Mitarbeiter fit werden für die Digitalisierung?“, ist eine pragmatische und sinnvolle Frage. Aber aus gesellschaftlicher Sicht sind die wichtigen Fragen: Warum wollen wir die Digitalisierung? Was wollen wir an der Digitalisierung? Und was wollen wir nicht? Vielleicht sollten wir, um weit zu springen, zunächst einmal die schlichteste aller Fragen stellen: ist Digitalisierung gut?

Einige Problemfelder (aus einer langen Reihe):

  • Digitalisierung bedeutet Beschleunigung. Aber die Burn-Out raten sind so hoch wie nie.
  • Digitalisierung und die Daten, die gesammelt und erzeugt werden, machen den Menschen gläsern. Vor Firmen und vor Staaten.
  • Digitalisierung erzeugt ein Übermaß an Information. Wie gehen Menschen damit um? Eine Gefahr: selektive Wahrnehmung und das Ausblenden von Information, die nicht der eigenen Meinung entspricht, erzeugt Parallelwahrnehmungen, verwischt die Grenze von Wahrheit und Lüge, und führt zu Instabilität in unseren demokratischen Gesellschaften (siehe: Wahl in Amerika; Krise der etablierten Medien etc.).
  • Digitalisierung macht unser Leben bequemer. Aber macht die neue Bequemlichkeit unser Leben auch reicher, im Sinne von lebenswerter, freier, und glücklicher? Wie werden wir bessere Menschen, anstatt bessere Konsumenten?
*
Im Rahmen der Bonameser Gespräche wurde auch der Herausgeberband „Bronnbacher Positionen – Beiträge zur kulturellen Bildung“ vorgestellt. Weitere Informationen sowie Bestellmöglichkeit auf www.bronnbacher-positionen.de

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Post Navigation