d14 – ist das noch Kunst?

Ein Bronnbacher_Blick auf die documenta 14
von Falk Kastell*

Als Künstler werde ich oft gefragt, was mich inspiriert. Davon gibt es reichlich. Eine große Inspirationsquelle ist das Buch „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. In diesem Buch reist der kleine Prinz von Planet zu Planet und erkundet dort durch eine kindliche, schlichte und ehrliche Art und Weise den Kern der Dinge. Würde er auf der Erde landen und hätte ich die Ehre, seiner Hoheit unsere Kunstwelt zu erklären,  müsste ich ihm eingestehen, dass sich der Großteil unserer kulturellen Entwicklung in einem bizarren Affentheater aus mehr oder weniger gelungenen Versuchen der Selbstprofilierung befindet. Ein sehr bedauernswerter Zustand. Auf unserer Reise stoßen der kleine Prinz und ich zu einer Zeitreisegruppe der besten Künstler aus den vergangenen Jahrhunderten.

Mit modernen Kameras bewaffnet stürzen sich die Kunstgierigen in die Ausstellungen und versuchen zu verstehen, was die Menschheit mit ihrem hart erarbeiteten Erbe gemacht hat. Ich sehe enttäuschte Gesichter. Glitzernde Diamantenschädel, Haifische in Aldehyd eingelegt, Basketbälle in Aquarien schwimmend oder einfach nur verchromte Plastiktulpen. Ist es das, was wirklich gute Kunst ist, oder sind diese Werke nur ein Sinnbild für die völlig bedeutungslose Wegwerfgesellschaft voller Müll und Überfluss? Mit Sicherheit würden sich viele dieser sogenannten Kunstwerke auf einer Müllhalde besser machen, als in einem Museum, wo sie den Geist des Menschen zu einem Wegwerfintellekt verkümmern lassen. Der berühmte Kunstkritiker Robert Hughes sah das im Gespräch mit dem Industriellen Robert Mugrabiganz ähnlich.

Die Reisegruppe, bestehend aus den größten Künstlern und dem kleinen Prinzen, zieht weiter, vorbei an Auktionshäusern, in denen Kunst mit Hämmern zu Wertanlagen zertrümmert wird. Vorbei an den Kunstmessen, in denen Galeristen wie Marktschreier um Kunden und Aufmerksamkeit buhlen. Vorbei an monumentalen Museen und Galerien, die die Namen von Menschen tragen, die sich wie beim Ablasshandel einen Eintrag im Tagebuch der Kunstgeschichte kaufen wollen, um sich ein Stückchen ewigen Lebens zu pachten. Hinein zum Haupteingang des Kunstzirkus. In der Manege präsentiert gerade die heiße deutsche documenta ihren stolzen Löwen Pantheon. Ein gewaltig installiertes Tier mit Pranken wie griechische Säulen. Auf den ersten Blick sehr beeindruckend. Aber bei genauerem Hinsehen schon wieder so viel Plastikmüll. Und in seinem prächtig inszenierten, zensierten Bücherfell, fallen auch ein paar Mickey Mouse Hefte und Harry Potter Ausgaben auf. Soll das ein Scherz sein? Danach folgt ein Schwarm winziger Fotografien von gigantischen Menschenmassen. Der kleine Prinz fragt mich, was das ist, und ich muss ihm erklären, dass die vielen Menschen auf den Fotos Flüchtlinge sind, die vor schlechter Kunst in den Museen davon laufen. Es handle sich bei den Fotos jedoch um eine völlig überflüssige Form neuer Berichtserstattung, die wir nicht nur im Radio, Fernsehen und den Zeitungen vorgeführt bekommen, sondern die als Kommentar zum allgegenwärtigen Zeitgeschehen jetzt  auch in der Kunst ihren Einzug hält. Etwas angeekelt über solch primitives kulturelles Verhalten rümpft der kleine Prinz seine Stupsnase. Mittlerweile lächelt auch Mona Lisa nicht mehr und steht schnaubend auf. „Mir reicht´s!“, lässt sie laut durch den Raum schallen. „Wir haben hier nichts mehr verloren. Kommt Jungs, wir ziehen weiter.“ Ein paar Rubensmodelle haben auch schon wieder Hunger bekommen und wollen noch schnell zu McDonalds. Schnell noch ein paar Selfies mit Fritten und Burgermund, dann zurück in den Reisebus.

Lange Gesichter in der Reisegruppe. Irgendwie ist diese Nummer nicht glaubhaft. Irgendwie hat niemand etwas Geistreiches, Erbauendes mitnehmen können, außer einem schlechten Eindruck. Wir brechen auf. Die Biennale sparen wir uns dann auf dem Rückweg. Im Bus entschuldige ich mich für die missratene Vorstellung. Der kleine Prinz fragt, ob es denn auf der ganzen Welt noch irgendwo gute Kunst gebe. Ich denke einen Moment nach und sage ihm: „Man malt nur mit dem Herzen gut.“ Den Satz kennt der kleine Prinz und zufrieden schmunzelnd lehnt er sich in seinen Sitz zurück. „Dann ist ja alles gut, wenn es wenigstens ein paar Künstler gibt, die Hirn, Herz und fähige Hände haben.“ Wir verabschieden uns. Die Künstler reisen weiter und beglückwünschen den kleinen Prinzen, dass er bei all dieser Sinnlosigkeit, die er ertragen musste, nicht den Verstand verloren hat. Dann nimmt mich der kleine Prinz in den Arm und sagt: „Sei tapfer, Du schaffst es.“ Ich habe eine Träne im Auge und mache und male weiter mit meinem Herzen, an der Rettung der Kultur der Menschen.


* Falk Kastell beruft sich in seinen Werken auf die Schönheit der Menschen in all ihren Facetten. Seine Werke enthalten eine prägnante, emotionale Botschaft, sind echt und unerschütterlich. Falk hat in der Vergangenheit mit den Bronnbacher StipendiatInnen zusammengearbeitet.

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