Erobern, Orientieren, Vermuten – das 1. Gesicht der documenta

Ein Bronnbacher_Blick auf die documenta 14
von Tim Pieplau, Bronnbacher Alumnus

Ein Sonntag, 9:35 Uhr. Von Osten über die Fulda kommend erobern wir an diesem Morgen das Gelände der documenta, sprich die Kasseler Innenstadt. Noch sind uns die dutzenden documenta-Orte unbekannt, halten zunächst mit Umweg über die Orangerie auf die documenta Halle zu. Ah, dort die in der Presse hochgepriesene Münzpresse, eine Replika der von Sklaven betätigten Maschinen aus vergangenen Jahrhunderten. Auf dem heutigen documenta-Besuch werden wir zum politischen Denken angehalten (erzogen?), woran sich Kunstkritiker und Feuilletons bereits fleißig abgearbeitet haben – ich bin gespannt.

Vor der documenta-Halle: lediglich drei weitere Besucher am Ticketschalter, dann zehn Meter Schlange vor dem Eingang. 9:45 Uhr, der Saxofon spielende Straßenmusiker sorgt für gute Laune. 9:55 Uhr, los geht’s. Prompt landen wir im großen Saal, vor den Überresten afrikanischer Flüchtlingsboote, die von der Decke baumeln. Das war nicht geplant, irgendwie ein abruptes Ankommen. Ja, diese documenta möchte politisieren, sie übt sich in Kritik an menschenunwürdigen Dilemmas, in denen jede Seite nur verlieren kann, und holt zum Rundumschlag aus. Lesbos, Griechenland, Nordafrika, die Heimat indigener Völker des Nordens oder Äquators – dies werden heute die Tatorte sein.

Überhaupt, die documenta Halle. Anreiz und Reiz zugleich, während des und nach dem Besuch arbeite ich mich an ihr ab. Auf den großen Saal folgt ein kleiner Raum, die Sonne dringt durch bodentiefe Fenster ein – in Folge ist das Video einer Performance auf der Akropolis nicht zu erkennen. Die Besucher verlassen rasch den Raum und finden sich im nächsten kuratorischen Malheur wieder: Ein miserables Soundsystem begleitet einen auf Screen gezeigten Performance-Workshop, auch hier setzen Fluchtinstinkte ein. Kuratieren will gelernt sein…

Mein erster Besuch auf einer documenta bzw. deren 1. Gesicht: Einerseits erfüllend, zum Träumen anregend, einsichtsreich. Klare Favoritin: nicht unerwartet Miriam Cahn, die mir bei jeder Betrachtung einen Impuls versetzt mit ihren brachialen, verstörenden Gemälden. Andererseits fühle ich mich gelenkt, man solle bitte genau so und nicht anders über die Welthistorie denken und fühlen. Würde die „weltbeste“ Kunst (so der Anspruch der documenta an sich selbst) nicht eher subtil Kritik äußern, Interpretationen zulassen und erst auf den zweiten Blick näher zu deuten sein? Mich beschleicht das Gefühl, dass ich heute nicht „das Beste“ gesehen habe. Diesem Verdacht werde ich in meinem zweiten Besuch später im Sommer nachgehen.

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