Der Fikkefuchs – Grässlich gut

Wir komm’n rein und jedes Opfer hier guckt

Dieser Scheiß fickt deine Boxen kaputt, denn

Ich bin heut mit meinen Fotzen im Club

Fotzen im Club, Fotzen im Club

Fotzen im Club, Fotzen im Club …” 

 

So schallt es zu Beginn gleich aus den Handylautsprechern von Thorben, einem knapp dreißigjährigen, pornosüchtigen Frauenverachter. Aber halt, der Film ist keine weitere Episode in der derzeit wieder so angeheizten Sexismusdebatte rund um #metoo und #grabherbythepussy. Das Drehbuch wurde sogar schon 2015 geschrieben. Thorben ist krank, das steht schnell fest. Er ist sogar so krank, dass er in die Psychiatrie muss, weil er sich vom bloßen Anblick des Busens der Kassiererin bei Rossmann dazu eingeladen fühlt, die Frau später kurz vor Ladenschluss sexuell anzugreifen.

Nachdem er aus der Klapse ausgebüxt ist, sucht er seinen Vater „Rocky” – bürgerlich Richard – in Berlin auf, der bis dahin noch nicht weiß, dass er einen Sohn hat. Rocky, gespielt von Jan Henrik Stahlberg, der auch das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat, lässt sich von seinem unerwünschten Gast zu einer Tour durch Berlin und einer damit verbundenen Jagd auf die „scheuen Rehe”, wie es die Stimme des Hauptdarstellers Stahlberg aus dem Off moderiert, hinreißen. Die „ausgediente Hirschkuh am Wegesrand” interessiere ihn ja nicht.

Szenen wie diese setzen den Rahmen für ein Portrait zweier Männer, das abstoßender und trauriger nicht sein könnte. Ob es der laienhaft schläfrig zur Seite geneigte Kopf ist, der einen gierigen Blick auf die Vagina einer jungen Frau in der Sauna des Squash-Clubs kaschieren soll oder die Brech- und Kotorgie im Bad nach einer durchzechten und erfolglosen Nacht – gezeigt wird eine völlig gestörte Beziehung zu Frauen und der eigenen Sexualität.

 

Einerseits lernt man Rocky, den Fast-Fünfziger in seiner abgewohnten Berliner Altbauwohnung kennen, der den resignierten Alltag eines Ehemals-Gewesenen lebt. Zwar läuft morgens Klassik-Radio und weckt damit den Schein einer heilen, bürgerlichen Welt, der wird jedoch genauso schnell wieder zerstört von der aufgetoasteten Brotscheibe mit Salami aus der Frischhaltefolie zum Frühstück. Rocky ist wie Thorben ein Elend im Umgang mit Frauen. Zwischendurch sinniert die Stimme des Hauptdarstellers über vergangene Zeiten und verblasste Erfolge. Schnell hinterfragt man aber, ob der hier erscheinende Kümmerling in der Lage ist, seine Wirkung auf Frauen wahrheitsgemäß einschätzen zu können. In der Gegenwart ist ihm diese Fähigkeit jedenfalls völlig verloren gegangen. Er lässt sich von seinem „vielleicht”-Sohn ja nur deshalb wieder hinaus auf die Piste ziehen, weil er im Stillen noch an seine Fähigkeiten von damals glaubt, auch wenn er heute beteuert „Ich habe abgeschlossen mit den Frauen”.

Vater und Sohn - Rocky (rechts) gibt Thorben Nachhilfe in Sachen Frauen.

Vater und Sohn – Rocky (rechts) gibt Thorben Nachhilfe in Sachen Frauen.

Während man bei Rocky teilweise noch Lichtblicke halbwegs vernünftiger Resignation wahrnimmt, die Beruhigung in den sonst sehr schrillen und offensiven Film bringen, sorgt Thorben andererseits, großartig scheußlich von Franz Rogowski gespielt, für das komplette Gegenteil. Es sind nicht die eingestreuten Schnipsel aus Hardcore- und Gangbang-Pornos, die das eigentlich Anstößige sind, sondern vielmehr Sätze wie „Ich habe einen Ehrenkodex”, wenn davon die Rede ist, dass er nur „naturgeile Frauen ficken” würde und für Sex nicht bezahlen wolle. Thorben lebt in zwei Welten: Online verroht er seit Kindesbeinen und sucht Befriedigung in immer krasseren Formen der Pornographie. Diese Verrohung bringt er mit in den Alltag der analogen Welt, wo er unter anderem das Berliner Holocaust-Denkmal für einen Lustgarten hält oder man als Zuschauer den Austausch mit seinen ebenso sexuell gestörten Online-Freunden miterlebt.

 

Thorben kracht mit einer derartigen Gewalt auf Frauen und damit auch auf den Zuschauer ein, dass es letztere regelrecht aus dem Sitz hebt vor Schamgefühl. Aber es ist genau das, was es braucht in Zeiten, die so weichgespült sind von politischer Korrektheit und dann gleichzeitig so überreizt werden durch das Großmachen jedes Skandälchens. Zugegeben, der Film ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Aber was wäre die Alternative? Nur eine weitere Schöpfkelle aus der im lauwarmen Wasserbad dahinblubbernden Gender-Suppe? Bitte nicht!

 

Der Film zeigt Abschaum, Scheusal und Trostlosigkeit in Reinform und verpasst es trotzdem nicht, an einigen Stellen herzliche Lacher unterzubringen. Als Zuschauer findet man sich immer wieder in Situationen, wo einen die Tragikomik innerlich zerreißt. Teilweise kommt sogar so etwas wie Mitleid auf. Und diese Stellen sind es, die die Großartigkeit des Werks von Jan Henrik Stahlberg ausmachen. Denn zwischen all den lauten Bildern des Films schwingen subtile Botschaften mit. Man ist mit einer Vielschichtigkeit konfrontiert, wie sie leider nur selten im Kino zu sehen ist. Sind die Antihelden nicht auch zeitweise verzweifelte Gefangene in einer Vorstellungswelt, die zumindest in Teilen durch gesellschaftliche Männerbilder befeuert wird? Wie viel Thorben steckt in jedem Mann? Jeder guckt (mal) Pornos, wie kommt man da raus? Was macht das mit einem?

 

Die Geschichte endet mit einem vermeintlichen Eroberungserfolg Rockys, der diesen wie eine Wiedergeburt feiert. Es zeigt, dass auch der Alte kein Stück weiser geworden ist. Es gibt keine Einsicht, keine Selbsterkenntnis, keinen Frieden mit dem Zuschauer. Der Film liefert kein Narrativ a la „so nicht” und „bitte mehr Respekt”, zumindest nicht explizit. Das braucht er auch nicht. Wer den Film an dieser Stelle falsch versteht, der will ihn falsch verstehen. Er ist keine Verteidigung der vorgestellten Männerwelt, das ist schnell klar. Aber hinter den krassen Texten und grellen Bildern steckt eben mehr als die bloße Aufregung über das Verhalten von Männern gegenüber Frauen. Ein erfrischender Impuls.

 

Die Rezension entstand nach der Vorstellung des Films am 18.11.2017 im Odeon Kino in Mannheim, wo der Regisseur und Hauptdarsteller Stahlberg im Anschluss für ein Gespräch vor Ort war.

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