Gibt es eine Lieblingsarbeit? – „I have never been to Berghain” von Philip Topolovac

von Ulrich Köstlin

Mitglied des Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI e. V. / Bronnbacher_Blick art@home

Mein Partner Nathan und ich leben intensiv mit Kunst. Da gibt es immer mehr als eine Lieblingsarbeit, und bei zwei Kunstfreunden sowieso. Es gibt Arbeiten, die ich persönlich liebe, weil sie einen ganzen Raum prägen. Andere machen fröhlich, wieder andere regen zum Nachdenken an. Manche Arbeiten sind wunderbare Anknüpfungspunkte zu Gesprächen, wenn jemand zu Besuch kommt.

Eine Arbeit, die viele dieser Aspekte vereint, ist „I have never been to Berghain“ von Philip Topolovac.  Es handelt sich um ein Korkmodell des Berghain Gebäudes, ca. 70x103x35cm, und es steht auf einem dafür vom Künstler angefertigten Tisch in unserem Esszimmer.

Korkmodelle wurden vor allem im 18. und 19. Jahrhundert gebaut, meist in Italien, aber auch in Deutschland. Es waren fast ausschließlich Modelle antiker Bauten, weil sich mit dem Kork und seinen Poren die alten verwitterten Steine so gut nachbilden lassen. Es finden sich heute noch große Sammlungen derartiger Modelle an früheren Fürstenhöfen, z.B. in Aschaffenburg, Gotha, Darmstadt oder Kassel-Wilhelmshöhe. Die dargestellten Bauten, wie z.B. das Kolosseum, der Konstantinbogen, Rheinschlösser oder der Parthenon waren Sehnsuchtsorte, zu denen jeder Gebildete des 18. oder 19. Jahrhunderts einmal reisen wollte. Weil dies aber langwierig und schwierig war, besuchte man eben die Korkmodelle.

Mich fasziniert die Grundidee des Künstlers, sich zu fragen, was heute ein entsprechender Sehnsuchtsort ist. Ein Ort, zu dem Menschen aus der ganzen Welt pilgern möchten, es aber nur selten schaffen. Es sind sicher nicht mehr die Rheinschlösser oder das Kolosseum. Mit dem Berghain trifft Topolovac meines Erachtens ins Schwarze – so viele junge Menschen in der ganzen Welt wollen einmal im Leben nach Berlin fahren, und wenn sie dann schon hier sind, eine Nacht im Berghain verbringen. Für viele, die von der langen Schlange abgeschreckt werden, oder nicht an dem Türsteher vorbeikommen, bleibt es für immer ein Sehnsuchtsort. Und das Berghain, das das ehem. Kraftwerk der Karl Marx Allee ist und Anfang der 50er Jahre in russischem Klassizismus gebaut wurde, lässt sich auch noch wunderbar mit dem Material Kork modellieren.

Ich habe von dem Modell das erste Mal erfahren, als mein Partner Nathan mich in das Atelier des Künstlers mitnahm. Dieser hatte das Modell für eine Galerieausstellung in Rom gebaut, weil er dachte, dass die mit den historischen Korkmodellen vertrauten Römer sich vielleicht für eine zeitgenössische Version begeistern würden. Ich sah damals nur ein Foto, war aber gleich von dem Konzept fasziniert. Was sagt es über unsere Zeit, dass unsere Sehnsüchte sich auf einen Technoclub beziehen und nicht mehr auf die großen Bauleistungen der Antike? Was bedeutet es, dass heute zwischen unserer Sehnsucht und uns ein Türsteher steht? Jede Menge zeitgenössischer Fragen ergeben sich aus der Betrachtung dieses Modells – das finde ich einen großartigen künstlerischen Beitrag.
Wir reservierten damals das Modell für den Fall, dass es in Rom nicht verkauft würde und hatten tatsächlich Glück und bekamen es.

Seit es bei uns im Esszimmer steht, bin ich nicht nur vom Konzept fasziniert, sondern auch von der Schönheit des Materials Kork und der Art und Weise, wie dieses Modell den Raum prägt. Besucher, die das erste Mal den Raum betreten, gehen meist sofort auf das Modell zu und betrachten es von allen Seiten. Für mich ist es immer ein geheimer Coolness-Test, ob jemand das Gebäude erkennt oder nicht, oder gar gleich auf den „Laboratory“-Eingang zeigt.

Mit dem Künstler zusammen habe ich schon mehrfach nachgedacht, ob es andere Gebäude auf der Welt gibt, die Sehnsuchtsorte sind und sich als Korkmodelle eignen. Wir haben bisher kein geeigneteres Gebäude als das Berghain gefunden. Aber das ist vielleicht eine Challenge für die Bronnbacher. Kluge Ideen bitte an ulrich.koestlin[at]t-online.de.

Ulrich 1Abbildung mit freundlicher Genehmigung: © Philip TopolovacAbbildungen mit freundlicher Genehmigung: © Philip Topolovac

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